Journalisten lieben Krisen. In diesem Umstand kann man einen Ausdruck des Charakters dieser Menschen sehen, und tatsächlich gibt es auch Zyniker in der Bevölkerungsgruppe der Journalisten. Aber daß Krisen oft sogenannte Muß-Themen sind, hat auch noch andere Gründe.
Da ist zuallererst die Emotionalität. Unternehmenskrisen sind oft das, was Journalisten ein „Aufregerthema“ nennen, und Aufregerthemen pflanzen sich sehr leicht fort, sie werden, wie man sagt, viral. Immer mehr Massenmedien werden heute boulevardesk, schätzen also Klatsch und Tratsch höher als kühle Analyse und sind deshalb auf der Suche nach dem neuesten Aufreger.
Unternehmenskrisen erzeugen oft auch starke Bilder. Man denke an brennenden Bohrplattformen und dergleichen. Das sind nicht nur eindrucksvoller Standbilder, es ist oft auch noch Bewegung zu sehen. Von so etwas lebt das Fernsehen. Und weil das Fernsehen ein Leitmedium ist, springen auch Zeitungen und Hörfunk auf solche Reize an, mittelbar oder unmittelbar.
Unternehmenskrisen sind für Journalisten außerdem die Chance, ihre Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit zu beweisen. Wer in der Krise einem großen Unternehmen eine Standpauke hält oder unangenehme Details ans Licht befördert, der zeigt, daß er ein würdiger Hüter der Freiheit ist. Meint er jedenfalls.
Damit hängt der Umstand zusammen, daß Krisen meistens schlechte Nachrichten erzeugen. Da kein Journalist nur gute Nachrichten liefern will, nimmt er die schlechten um so lieber. „Only bad news is good news“, heißt es auf Englisch.
All das führt dazu, daß Journalisten Krisen lieben - so, wie das jeder an ihrer Stelle täte.