Angeblich duzt man sich auf Englisch. Angeblich ist das viel einfacher. Stimmt aber beides nicht. Richtig ist, daß man sich auf Englisch siezt. Das alte Wort für Du, thou, ist vor vier- bis fünfhundert Jahren aus der Hochsprache verschwunden, weil es als zu unhöflich empfunden wurde.”You” heißt eigentlich “Ihr”, auch wenn das heute keiner mehr weiß, auch nicht unter englischen Muttersprachlern. Na und, werden Sie sagen? - Die Unterscheidung ist trotzdem wichtig. Wer weiß, daß “you” “Sie” heißt, der ordnet es ganz anders ein, wenn der amerikanische Topmanager sich “Bill” oder “Jim” nennen läßt. Er verzichtet damit auf die Förmlichkeit, lädt aber keineswegs zum vertrauten Umgang ein.
Sehen Sie also eine Einladung wie “call me Bill” nur als Vereinfachung der Anrede an, und behandeln Sie Mister William Smith weiter, wie man einen Vorstandschef behandelt, nämlich mit Respekt und Zurückhaltung. Spazieren Sie nicht einfach in sein Büro und fragen Sie ihn nicht unaufgefordert nach privaten Dingen. Irgendwann mag Sie Bill Smith zu seinen Freunden zählen, bis dahin sind Sie aber bestenfalls “a friend”, und das ist etwas ganz anderes. Der Unterschied zwischen “Sie” und “Du” ist im Englischen nicht sofort sichtbar. Es gibt ihn aber doch, und zwar genauso ausgeprägt wie im Deutschen.
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